Unsere Pfarrer 


Prof. Dr. Wilhelm Diehl hat 1921 erstmals die Ulfaer Pfarrer aufgelistet. Diese Aufzählung beginnt mit dem Jahr 1206. Die Namen der nachstehend genannten Geistlichen wurden von Pfarrer Isheim und durch unsere Forschung weiter ergänzt. Eine genaue zeitliche Angabe zur Dienstzeit in Ulfa war nicht immer möglich. 


1206        wurde Gundelach als Priester bzw. Pleban zu Ulfa genannt 

1265         wurde Widerald als Priester der Kirche zu Ulfa genannt

      bis 1439     Joh. Cori, gab sein Amt durch “Resignation“ auf

1439 -         wurde Johannes Herweger von den „Schencken zu Schweinsberg“ präsentiert

      bis 1495    Johannes Barth (wurde 1495 noch erwähnt)

1495 – 1511     Heinrich Finck; Gerlach Kempf ist 1511 Kaplan (Hilfsgeistlicher)

      bis 1536     Ludwig Waborn

1536 – 1550    Johannes Schneider aus Nidda

1551 – 1571     Wilhelm Lotz (Lotichius) aus Niederzell

1571 – 1583     Andreas Meissner aus Friedberg

1583 – 1611     Matern Wolff aus Echzell

1611 – 1627     Konrad Matthäus aus Grünberg

1627 – 1635     Christoph Wicelius (Vicelius) aus Butzbach

1636 – 1656     Johannes Tonsor aus Alsfeld

1656 – 1679     Georg Heinrich Fabricius

1679 – 1691     Tobias Raab aus Grünberg

1691 – 1704     Philipp Bindewald aus Echzell

1704 – 1721     Johann Konrad Bintzer aus Ober-Kleen

1721 – 1730     Johann Kaspar Bock aus Bottendorf

        Diakon Johannes Koch 1723 - 1731

1731 – 1736     Johann Gerhard Schmidt aus Kirtorf

        Diakon Kaspar Peter Jugard 1731 ff.

1736 – 1772     Bernhard Kempf aus Gießen

1773 – 1795     Georg Philipp Scriba aus Königsberg (bei Gießen)

1795 – 1828     Karl Christian Welcker aus Grünberg

1829 – 1849     Ludwig Friedrich Münch aus Nieder-Gemünden

        Vikar Johannes Kißner 1829 - 1831

1850 – 1875     Gustav Baist aus Grünberg

1876 – 1880     Julius Reusch aus Rodheim (bei Hungen)

1880 – 1897     Emil Münch aus Kirtorf

1897 – 1899    Philipp Uhl aus Laubach

1899 – 1914     Karl Peters aus Babenhausen

1914 – 1916    Peter Bock aus Langen-Brombach

1916 – 1924     Hermann Römer aus Schotten

1924 – 1932     Otto Crull aus Gleiwitz

1933 – 1949     Prof. Dr. Günther Flechsenhaar aus Frankfurt

1949 – 1973     Wilhelm Schmidt aus Enkheim bei Hanau

1973 – 1979     Horst Dieter Bleek aus Stettin

1979 – 1997     Werner Jung aus Holzheim

Febr. 1998 – Aug. 2000     Cornelia Otto

Nov. 2000 – Okt.  2002     Detlev Maresch, Eichelsdorf (als Vertretung)

Nov. 2002 – Febr. 2005     Dr. Johannes Dittmer aus Limburg

Aug. 2006 – noch          Reiner Isheim aus Gießen



Nachstehend wollen wir, nach heutigem Wissensstand, auch aus dem Leben unserer Pfarrer berichten:




Pfarrer Gustav Baist (1824-1914)

-Pfarrer in Ulfa von 1850 bis 1875-


„Als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine neue Kirchenverfassung in der evangelischen Kirche eingeführt wurde, war unser damaliger Pfarrer, Gustav Friedrich Wilhelm Baist, damit nicht einverstanden. Er wurde renitent und mit ihm auch seine Gemeinde. Es kam zu einem Streit mit der obersten Kirchenleitung, der dann im Jahre 1875 beigelegt wurde. Baist musste den hessischen Kirchendienst verlassen und ging nach Bayern.“

-Dies schrieb 1948 Lehrer Berger in seiner Ausarbeitung zur Lehrerprüfung-


Mehr durch Zufall, als dass wir gezielt gesucht hätten, stießen wir in einer Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Raiffeisenbank Hahnenkamm eG in Westheim auf den Namen unseres ehemaligen Pfarrers. In diesem 87 Seiten starken Buch, gänzlich ohne Werbeanzeigen, wurde das Leben und Wirken von Pfarrer Baist ausführlich behandelt. Nachstehend möchten wir auszugsweise folgende Texte wiedergeben:


„Bekenner – Genossenschaftsgründer – Volksschriftsteller

Wenn man überblickt, was Pfarrer Gustav Baist für das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen geleistet hat, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass bei ihm in der beschaulichen Zeit vor mehr als hundert Jahren das geistliche Amt die Nebensache, die praktische Tätigkeit für die ländliche Bevölkerung aber seine Hauptbeschäftigung gewesen sei.

Aber der Schein trügt. Er hatte, als er nach Bayern kam, einen schweren und entsagungsvollen Weg hinter sich gehabt. In späteren Jahren hat er sich auch als Volksschriftsteller hervorgetan. Es erscheint daher angebracht, in dieser Jubiläumsschrift sein Lebensbild etwas umfassender darzustellen

Elternhaus und Jugend

Seine Wiege stand in Grünberg in Oberhessen. Dort ist er am 10. Januar 1824 geboren und als Friedrich Wilhelm Gustav Baist getauft worden. Sein Vater war der groß-herzogliche hessische Landrat Johann Kaspar Baist (1770 – 1864). Dieser hatte in der napoleonischen Kriegszeit seine erste Frau und sechs Kinder verloren. Nachdem er längere Zeit Witwer gewesen war, heiratete er im Jahr 1817 die viel jüngere Tochter eines kurhessischen Amtmanns, Wilhelmine Henriette Mühlhaus aus Rosenthal bei Marburg. Aus dieser zweiten Ehe gingen sechs Söhne hervor. Außerdem erzog die zweite Frau auch die Stieftochter Friederike, die in Gustav Baists Buch „Minchen“ unter dem Namen Else dargestellt wird. Der Landrat, Gustav Baists Vater, soll ein ernster Mann mit festem Charakter gewesen sein und an die zweihundert lateinische Sprichwörter auswendig gewusst haben. In seiner Jugend trug er noch den damals üblichen Zopf. Erst 1864 am 20. Oktober ist er im Alter von 94 Jahren gestorben. Gustav Baists Mutter Wilhelmine, das „Minchen“, war eine tüchtige Hausfrau mit einem guten Herzen. Die sechs Söhne erlernten die verschiedensten Berufe: Landwirt, Kaufmann, Buchdrucker, Fabrikant. Der vierte Sohn, Gustav, wurde als einziger Pfarrer. Gustav Baist besuchte zunächst bis 1832 eine Privatschule, das „Institut“ in Grünberg. Dann unterrichtete ihn sein Vater längere Zeit auf dem landwirtschaftlichen Anwesen der Familie in Altenstadt in der Wetterau selbst, später der Pfarrer des Nachbardorfes in Oberau. Ab 1837 besuchte er fünf Jahre lang das Gymnasium im nahe gelegenen Büdingen, das er mit der Reifeprüfung verließ. Er interessierte sich damals besonders für Berichte aus fernen Ländern und beschäftigte sich bezeichnenderweise mit dem Leben des Pfarrers Oberlin aus dem Steintal im Elsaß. Über diesen gab es damals ein viel gelesenes Buch von Professor Gotthilf Heinrich Schubert, Erlangen (seit 1827 in München), das er sicher mit Interesse las. In dieser Zeit reifte in ihm der Wunsch Missionar zu werden.


Gustav Baist studierte ab Herbst 1842 bis Ostern 1846 Theologie an der Universität Gießen, nahm Unterricht in englischer Sprache und legte im April 1846 in Gießen die Fakultätsprüfung ab. Ab Ostern 1846 besuchte er ein Jahr lang das Predigerseminar in Friedberg/Hessen. Kurze Zeit war er auch Privatvikar bei einem Landpfarrer, lernte wahre Frömmigkeit kennen und nahm den alten lutherischen Glauben von Herzen an. Danach unternahm Baist eine Bildungsreise, welche ihn nach Basel, Straßburg und Genf führte, wo er ein halbes Jahr französische Sprache und reformierte Theologie studierte. 1848 wurde er für kurze Zeit Hauslehrer in einem Privatinstitut in Offenbach. 1850 trat Baist als überzeugter Lutheraner ins Pfarramt ein.



Im Pfarramt 

Am Sonntag Quasimodogeniti (Sonntag nach Ostern) 1850 erhielt er die Pfarrverwesung der Gemeinde Ulfa bei Nidda, nachdem er kurz vorher durch den Dekan des Kirchenbezirks ordiniert worden war, und zwar ausdrücklich auf die altlutherische Agende von 1573. Seiner Antrittspredigt legte er den Text 2. Korinther 5, 18-21, zugrunde und stellte sie unter das Thema: „Das Amt, das die Versöhnung predigt“. Schon im September 1851 wurde er zum rechtmäßigen Pfarrer von Ulfa ernannt. Wie es dazu kam, dass gerade er diese Pfarrstelle erhielt, erzählt er in der genannten Pfarrbeschreibung:


 „Aus Ulfa bei Nidda war eine Bauerndeputation gekommen, welche dem Oberkonsortium meldete, bei ihnen sei alles verdorben, sie müssten einen Pfarrverweser haben, der Haare auf den Zähnen hätte. Auf Empfehlung des Prälaten Zimmermann wurde ich dann geschickt, als der, der Haare auf den Zähnen habe. Es war dort sehr schlimm, doch wurde ich freundlich aufgenommen. Auf einstimmige Bitten der Gemeinde erhielt ich von dem Freiherrn von Schenk zu Schweinsberg später die Repräsentation zu der Pfarrei. Ich fand in Ulfa sieben wilde Ehen vor und die Reste einer Wilddiebs- und weiteren Diebesbande …. Die Kirchenstiftung hatte viel Geld. Ich brachte dies alles in Bauernhypotheken unter, während meine Kollegen die weniger ertragenden Staatspapiere kaufen mussten. Die in wilder Ehe lebenden Leute konnte ich kopulieren, und sobald sie christlich getraut waren, kamen sie auch in  bessere Verhältnisse. Es war aber ernste Arbeit für mich.“


Zielbewusst arbeitete er an seiner Gemeinde in der es um das geistliche Leben offenbar nicht gut bestellt war und es einen weit verbreiteten Alkoholmissbrauch gab. Zwölf Jahre musste er kämpfen, bis Luthers Kleiner Katechismus in der Schule eingeführt wurde. Damals war ein Dorfpfarrer nicht nur Seelsorger seiner Gemeinde. Er hatte auch selbst sein Pfarrgut zu bewirtschaften und durch diese Landwirtschaft seine Ernährung sicherzustellen, denn die Pfarrgehälter waren gering. Auch sonst hat er sich sehr um die Belange der Gemeinde gekümmert. In einer Streitschrift von 1869 schrieb er unter anderem: „Ich habe allein 10 000 Gulden erspart, indem ich die Steine zum neuen Pfarrhaus fortfahren ließ und seit 18 Jahren mich mit dem alten Haus begnügte. Wir haben von den Zinsen dieses Kapitals eine schöne Orgel gekauft, die Kirche repariert, die Schulstelle verbessert und die Pfarrgebäude repariert.“


In seinem Buch „Frohes und Ernstes“ schildert Baist einen jungen Pfarrer. Wir dürfen wohl annehmen, dass er dabei auch ein Bild von sich selbst zeichnet, wenn er schreibt: 


„Der junge Pfarrer war hoch gewachsen, blond, mit gelocktem langem Haare, kräftig und mit jugendlich gerötetem Gesicht. Er musste immer die letzte Predigt bei Missionsfesten halten, und als er bei dem Ordner der Feste nach dem Grunde dieser Einrichtung fragte, sagte dieser: ´Wir müssen dich zuletzt stellen, weil du alle wieder munter machst, wenn einige schläfrig geworden sind.´  Der junge Pfarrer hatte als Kandidat erkannt, daß die Bekenntnisse unserer Kirche mit der Heiligen Schrift übereinstimmen….. Er hatte Luther und die Kirchenväter studiert und forschte in der Schrift, ob es sich also hielte. Er hatte in damaliger Zeit viele Kämpfe zu bestehen, in dem die Mehrzahl der Geistlichen und fast alle gebildeten Laien seinen Glauben verspotteten oder gar bestritten. Aber er war seines Glaubens gewiß.“


Dass Pfarrer Baist sich dabei nicht nur Freunde machte liegt auf der Hand, denn wer will schon von seinen Gewohnheiten ablassen. Seinen Unmut drückte 1859 ein Bürger in der Weise aus, daß er dem Pfarrer auf seinem Acker in der Albach an sieben aufgesetzten Kornhaufen die Seile durchschnitt. Die Sache kam vor das Landgericht in Schotten und die Einwohner von Ulfa wurden aufgefordert Hinweise auf den Täter zu geben ansonsten würde „von den einzelnen Bewohnern von Ulfa“ Schadenersatz beigetrieben werden. Der Schaden betrug 6 Gulden und 38 Kreuzer.



Ehe und Familie

Pfarrer Gustav Baist lebte zunächst mit einer hochbetagten Haushälterin in seinem alten Pfarrhaus. Doch bald nachdem er zum Pfarrer ernannt worden war, heiratete er. Am 14. April 1852 (Ostern) führte er Adelheid Ida Salome von Baumer, eine Forstmeisterstochter aus Goldkronach im Fichtelgebirge, zum Traualtar. Es sollte eine glückliche, wenn auch zunächst schwere Ehe mit vielen Belastungen werden. Darüber berichtet er: „Ich dachte mein Leben lang in Ulfa zu bleiben, aber es sollte anders kommen. Meine äußere Lage war schwierig. Mein ältester Sohn, jetzt Professor und Geheimer Hofrat, weilte in Madrid zu wissenschaftlichen Untersuchungen, die ihm kein Geld einbrachten. Mein zweiter Sohn besuchte ein Gymnasium, erhielt keine Stipendien. Drei Söhne freilich waren gut versorgt, sie schliefen in Frieden im Grabe einen langen Schlaf . . .  Meine älteste Tochter hatte ein Unterkommen mit bescheidener Einnahme, zwei Töchter sollten auf Schulen.“



Kampf ums Bekenntnis

Zu den finanziellen Belastungen der Familie kamen nun die Anfechtungen des hessischen Kirchenkampfes. Um 1870 war in seiner Landeskirche eine neue Kirchenverfassung veröffentlicht worden, die 1874 eingeführt wurde. Durch sie sollte, ähnlich wie schon in Preußen, die Union eingeführt werden, also die Vermischung von lutherischem und reformiertem Bekenntnis. Wenige Geistliche mit einer entschiedenen bekenntnismäßigen Einstellung widersetzten sich ihrer Kirchenleitung und riskierten damit ihre Lebensstellung. In einem Artikel des Württembergischen Evangelischen Sonntagsblattes vom 15. Juli 1935 (also während des Kirchenkampfes im „Dritten Reich“!) schreibt Pfarrer K. J. Friedrich über den damaligen Kirchenkampf in Hessen im Rahmen eines Lebensbildes von Pfarrer Baist: „Es handelte sich in dem schweren Kampf der heldenhaften „Renitenz“ gegen das damalige Kirchenregiment nicht nur um einen Streit der Konfessionen, sondern (wie heute) um einen Streit des evangelischen Christentums gegen das Heidentum der Zeit.“

Gustav Baist beteiligte sich, als überzeugter Lutheraner, nun sehr aktiv an diesem Kampf. Schon in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhundert hatte er sich mit Gleichgesinnten zu einer „Lutherischen Einigung“ zusammengeschlossen. Im „Hessischen Kirchenblatt“, das der bekannte Pfarrer der Inneren Mission, Gustav Schlosser, in Frankfurt a. M. herausgab, schrieb er Artikel gegen die Union. 1868 und 1869 ließ er verschiedene Schriften besonders gegen den Darmstädter Prediger Mitzenius erscheinen. Mit der Frage „Warum hat eine Anzahl evangelisch-lutherischer Christen die neue Verfassung der evangelischen Kirche des Großherzogtums Hessen nicht angenommen?“ beschäftigte sich eine Druckschrift von 1874. Das genannte Kirchenblatt berichtete: „Schwere Verfolgungen brachen über die aus Gewissensgründen ´renitenten´ Pfarrer herein. In den erregten Jahren um 1875 wurden in beiden Hessen 43 Pfarrer, 15 Kandidaten und 15 Lehrer abgesetzt. Störung der Gottesdienste durch Gendarmen, Wegnahme der Abendmahlsgeräte, tumultarische Verhinderung von Begräbnissen, Geld- und Freiheitsstrafen, öffentliche Pfändung von Kirchensteuern waren in den lutherisch gesinnten Gemeinden an der Tagesordnung. Pfarrer Baist selbst hatte viel Unbill zu bestehen wegen der oben erwähnten Streitschrift ´Warum ..´. Ein Assessor in Michelstadt klagte den unbekannten Verfasser an ´wegen Beleidigung des Landesherrn, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung und Zuwiderhandlung gegen das Preßgesetz´. Also auch damals wie immer in erregten Zeiten bei Kirchenkämpfen ´politische Diffamierungen´.“


Es gab nun viele Hausdurchsuchungen und Vernehmungen. Die Schrift von Pfarrer Baist wurde beschlagnahmt. Der Oberstaatsanwalt entschied aber, dass Pfarrer Baist nichts Unrechtes geschrieben habe, und der Michelstadter Assessor bekam einen Verweis und wurde strafversetzt. Aber im Laufe der langen gerichtlichen Verhandlungen wurde Baist mit sechs anderen Pfarrern im Großherzogtum Hessen am 14. Juni 1875 seines Amtes entsetzt. Innerhalb von drei Wochen mussten diese Pfarrer ihre Pfarrhäuser räumen. Es wurde ihnen verboten, Gottesdienste, auch nicht in ihren Häusern, zu halten.



Vertreibung von Amt und Haus

Über diese Zeit schreibt Pfarrer Baist: „Das waren schwere Tage. In ihnen war meine treueste Stütze meine liebe Frau, die nimmer wankte und alles in Ergebenheit trug, mir nie einen Vorwurf machte, sondern in der Liebe sich gleich blieb. Sie war in Goldkronach aufgewachsen, sie war mir mehr als Gold und Diamant. Als ich aus dem Pfarrhaus musste, räumte mir ein Bauer ein Haus ein, das er nicht bewohnte. Ich ließ es zurecht machen und verwandelte einen Stall in eine Stube, vorsorglich. Eines Tages kam der Bürgermeister des Ortes und sagte mir an, wenn ich nicht bis zum nächsten Abend das Pfarrhaus geräumt hätte, so müsse er berichten und es würden Gendarmen kommen und meine Sachen auf die Straße werfen. Da kamen die Menschen und halfen uns schleppen. Bis auf zwei Betten war alles geräumt. Der Bürgermeister hatte Mitleid und erlaubte, dass meine Frau und ich noch eine Nacht darin schliefen. Es erging uns übel. Wir hatten manchmal kein Brot und mussten einen Laib borgen. Aber am anderen Tag kam Geld auf der Post. Meine Früchte, die ich gesät hatte, wurden auf dem Halm versteigert. Mein Vieh und Inventar versteigerte ich. Eine Kuh, die ich für 60 Gulden erkauft hatte, steigerte ein Jude für 350 Gulden. Gott sorgte für mein Reisegeld nach Bayern.“


 Die Gemeinde in Ulfa stand anfangs mit großer Mehrheit hinter ihrem Pfarrer. Aber allmählich fiel sie doch mehr und mehr auseinander, als man sah, dass gegen Gewalt nichts auszurichten war und viele ins Gefängnis kamen. Die Treuesten baten ihn dann, zu gehen, da sie ihn nicht unterhalten konnten. So ging er schließlich nach Bayern. – Wer wird bei einem solchen Schicksal nicht auch an die Zeit des Kirchenkampfes vor 50 Jahren erinnert?



Der Weg in den Hahnenkamm

In der Pfarrbeschreibung von Westheim beschreibt Pfarrer Baist seine Übersiedlung nach Bayern so:

„Als ich nach eineinhalb Jahren reich an Sorgen und Armut, vom größten Teil meiner Gemeinde verlassen, an einen Abschied für immer aus der alten Heimat dachte, wurde mir eine Stelle in Oldenburg angeboten. Da ich aber in Bayern sechs liebe Schwäger in angesehenen Stellungen hatte, setzte ich den Wanderstab dahin und wurde zunächst Verweser in Geslau.

Die Gemeinde nahm uns mit großer Liebe auf und zeigte dies in rührender Weise durch Wort und Tat. Nach einem halben Jahr wanderten wir nach Döckingen im Sommer 1877 und von da im Spätherbst 1883 hierher nach Westheim…“


Pfarrer Baist hat sich offenbar gut und schnell in den Hahnenkammgemeinden eingelebt. 

Über Baists Tätigkeit als Genossenschaftsgründer wurde schon berichtet. Überall, wo er konnte, hat er sich dafür eingesetzt. So heißt es zum Beispiel in einem Bericht über die Jahresversammlung 1882 der „Gesellschaft für innere Mission“ im „Freimund“: „Zuletzt legte noch Pfarrer Baist von Döckingen in frischen Worten der Versammlung die Raiffeisen´schen Darlehenskassen als auch ein Werk der inneren Mission ans Herz. Über das soziale Elend, unter dem namentlich der Bauernstand leide, dürfe nicht immer nur geredet werden, es muß auch, so weit es menschenmöglich ist, Hand angelegt werden zur Besserung.“ Er wies dann auf die Gründung der zwei Kassen in Ursheim und Polsingen (1881) hin und empfahl seinen Traktat „Rettet den Deutschen Bauern“. Gegen hundert solcher Kassen sollen durch sein Wirken entstanden sein. Darüber hinaus hielt er auch Vorträge über Obstbau und pflegte die Bienenzucht. Er war ein Mann ähnlich dem Steintal-Pfarrer Johann Friedrich Oberlin, der sich nicht nur für das geistliche, sondern auch für das weltliche Wohl seiner Gemeinde und darüber hinaus einsetzte. Sein Wirken fand auch die entsprechende Anerkennung. Er erhielt vom König den Verdienstorden vom heiligen Michael, 4. Klasse mit der Krone, verliehen.



Der Volksschriftsteller

Pfarrer Gustav Baist hat sich auch in vielfacher Weise als Schriftsteller betätigt. Wir sahen oben, dass er schon in jungen Jahren bei der Herausgabe einer Zeitschrift beteiligt war. In den Jahren des Kampfes gegen den Rationalismus hat er eine ganze Reihe umfangreicher Veröffentlichungen herausgebracht, die seine umfassenden theologischen Kenntnisse zeigen. Als er noch in Döckingen war, veröffentlichte er 1881 die Schrift „Rettet den Deutschen Bauer“, von der auch oben schon die Rede war.

Pfarrer Baist beim Nachbarpfarrer August Hopp und dessen Familie, wo er öfters Besuche machte und gerne Schach spielte.

In den Jahren zwischen 1890 und 1902 schließlich schrieb er, unter dem Pseudonym Friedrich Traugott, aus dem Schatz seiner Erinnerung, Erzählungen nieder, die vielfach auf Tatsachen beruhen. Man hat 150 Titel gezählt. Zehn Bände davon erschienen allein in der damals sehr bekannten „Calwer Familienbibliothek“ und da und dort sind sie manchmal noch zu finden. Er selbst schreibt einmal, „alle Erzählungen sind wahre Geschichten, nur sind die Namen der Orte und Personen geändert, damit die Nachkommen nicht etwa betrübt werden“. Seine Erzählungen, die seine Schreibgewandtheit zeigen, geben mancherlei Einblicke in das damalige Leben auf dem Land und auch in das seiner hessischen Heimat. Vor allem schildert er oft, wie Bauern leichtsinnigerweise in schwere Schulden gerieten oder welches Unglück Neid und Streit für die Familien und das Leben im Dorf mit sich brachten. Immer aber versucht er auch, den Weg aus Not und Schuld aufzuzeigen.


Auch die Nacherzählung „Das Frälehaus“ stammt von Gustav Baist. Diese Geschichte über ein adliges Fräulein, welches ihren Geliebten nicht heiraten durfte, hat sich wohl in Ulfa zugetragen, denn dort sind die Namen in alten Urkunden zu finden und ein „Frälehaus“ gibt es auch. 



Ausklang

Pfarrer Gustav Baist wurde mit einem hohen Alter gesegnet. Als er Krank wurde und emeritiert werden sollte, ging er nicht darauf ein, sondern blieb bis zu seinem Tod im Amt. Eine Tochter versorgte ihn, nachdem seine Frau am 13. Oktober 1898 gestorben war. Die Todesanzeige im „Freimund“ Nr. 42/1898 lautete:


    „Am 13. October, mittags 3 ½ Uhr, ist unsere Geliebte Gattin und Mutter, Adelheid Ida Salome Baist, geb. von Baumer, nach schwerem Leiden

heimgegangen in die ewigen Hütten, im Alter von 77 Jahren, 3 Monaten,

8 Tagen.

Westheim, Freiburg und München, den 13. Oktober 1898

Gustav Baist, Pfarrer - Dr. Gottfried Baist, Prof. – Thekla Baist –

Albrecht Baist, Verbandssekretär – Hilda Baist.“ 


Aus der Anzeige ist zu ersehen, dass von seinen acht Kindern um jene Zeit nur noch vier lebten. Pfarrer Gustav Baist selbst starb am 2. Februar 1914 kurz nach seinem 90. Geburtstag. Alle acht Kinder Baists blieben unverheiratet. Es gibt deshalb keine Nachkommen aus der Familie. Nur drei Kinder haben den Vater überlebt. Der Sohn Gottfried war Professor für Romanistik an der Universität in Freiburg, während sein Sohn Albrecht, von dem schon oben berichtet wurde, Landwirt und später Verbandssekretär des Bayerischen Genossenschaftsverbandes in München sowie auch Geschäftsführer der nationalliberalen Landespartei in Nürnberg war. Die Tochter Hilda soll nach dem Tod ihres Vaters nach Gunzenhausen verzogen sein.


Die Raiffeisen-Organisation aber ehrte den verdienten Mann mit einer Gedenktafel in der Kirche mit folgendem Wortlaut (wobei das Sterbedatum jedoch richtig 2. Februar lauten muss):

„In diesem alten Gottesacker der Gemeinde ruhen:

Der am 10. Januar 1824 in Grünberg in Hessen geborene Pfarrer Gustav Baist, der von der Regierung des Großherzogtums Hessen wegen seiner ev. luth. Glaubenshaltung seines Pfarramts Ulfa enthoben wurde. Er wirkte ab 1877 in Döckingen und ab 1883 hier in Westheim als Seelsorger bis zu seinem Tode am 22. Januar 1914.

Von seiner Heimat her mit dem Lebenswerk Vater Raiffeisens vertraut und die damalige Not des Bauernstandes erkennend, gründete Pfarrer Baist 1881 bis zur Jahrhundertwende in Mittelfranken nahezu 100 Raiffeisenkassen. Er war ihr treusorgender Kreisanwalt und daneben in Westheim Aufsichtsratsvorsitzender. Das genossenschaftliche Wirken sah er als Bewährung jenes Christentums der Tat an, wovon es im ersten Korintherbrief heißt: ´Niemand suche das Seine, sondern ein jeglicher was des Anderen ist´. Neben Pfarrer Baist fanden hier seine Frau und vier Kinder ihre Ruhestätte.

Letzter Dankesgruß der Westheimer und mittelfränkischen Genossenschaften sowie des Bayerischen Raiffeisenverbandes München“


Im Jahre 1992 wurde für Pfarrer Baist auf dem Vorplatz der Kirche im fränkischen Westheim durch eine Bronze-Bildsäule von der Hand des Bildhauers Ernst Steinacker ein unübersehbares Denkmal gesetzt und ist ein sichtbarer Ausdruck für die Bedeutung, die der Pfarrer für den Ort, seine Einwohner und - durch die Gründung der Raiffeisenbank - für die ganze Region hat. Auch unser Kreis-Anzeiger hatte seinerzeit darüber berichtet. An der Enthüllungsfeier in Westheim nahmen unser Altbürgermeister Robert Wenzel und Karlheinz Gottwals von der Volksbank Ulfa teil.

Schreiben von Pfarrer Baist an das Königliche Bezirksamt Gunzenhausen vom

7. März 1896

In diesem Verzeichnis führt Pfarrer Baist am 7. März 1896 die Darlehenskassenvereine im Bezirk Gunzenhausen auf. Er unterschreibt als Verbandsvorsteher.

Quellen: Festschrift der Raiffeisenbank Hahnenkamm eG, Westheim, 1978

Rudolf Keller, Uni Regensburg, Aufsätze zur Kirchengeschichte, 2006

Archiv Stadt Nidda, Kreis Anzeiger 1992; Recherche: G. Stahnke

Pfarrer Otto Crull  


Pfarrer Crull versah seinen Dienst von 1924 – 1932 in Ulfa und Stornfels. Er musste Sonntag für Sonntag nach Stornfels, um dort den Gottesdienst zu halten. Für den Fußmarsch dorthin und den steilen Basaltkegel hoch, brauchte er immer eine gute Stunde. Zur Erleichterung schaffte sich Pfr. Crull 1926 ein Fahrrad mit Sachs-Hilfsmotor an. Da dies hier das Erste seiner Art war, brachte es manchen zum Staunen.

Ein Porträt über    Prof. Dr. Günther Flechsenhaar

(Text unbekannter Herkunft)


„Es waren mehr als 500 angehende Pfarrer und die ersten Pfarrerinnen, die ihn erlebt haben als Professor am Theologischen Seminar in Friedberg, der sie in ihren jungen Jahren mit viel Verständnis und Offenheit für ihre Fragen ein Stück weit begleitet hat, nicht nur als theologischer Lehrer, sondern ebenso als väterlicher Freund. Besonders in den Fächern Homiletik, Liturgik und Kirchenkunde hat er fast 25 Jahre bis zu seiner Pensionierung dort gewirkt. Dabei war er eng mit der Friedberger Kirchengemeinde verbunden, beteiligte sich aktiv an den Bibelabenden und predigte regelmäßig in der Stadt- oder in der Burgkirche. Als profunder Kenner der Hessischen Kirche, aber auch wegen seines weiten theologischen Horizonts und seines klaren theologischen Profils wurde er nach Gründung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zur verantwortlichen Mitarbeit an der neuen Kirchenordnung und der Lebensordnung berufen. Sein Mitwirken in unterschiedlichen Gremien und Ausschüssen war weg-weisend. Noch im Ruhestand gehörte er als Zeitzeuge der so genannten Kirchenkampf-Kommission an, die eine mehrbändige Dokumentation über den Kirchenkampf im Bereich unserer Kirche während der Jahre 1933 bis 1945 vorlegte. Bei alledem ist er doch immer bescheiden geblieben und tat seinen Dienst eher unauffällig.


Geboren wurde Günther Flechsenhaar am 10. Mai 1907 in Frankfurt. Nach einer kurzen unbeschwerten Kindheit brach wenige Wochen nach seinem Schuleintritt der Erste Weltkrieg aus, in dem auch sein Vater in schweren Kämpfen an der Westfront stand. Am Ende des Krieges starb sein einziger Bruder im Alter von 16 Jahren. In seiner Schulzeit fand er im Frankfurter Schülerbibelkreis schon früh seine Liebe zur biblischen Botschaft. Nach dem Abitur, das er am 20. Februar 1926 im Frankfurter humanistischen Lessing-Gymnasium ablegte, studierte er Theologie in Bethel, Tübingen, Erlangen und Gießen. Dort machte er am 22. Februar 1930 die erste Theologische Prüfung. Ehe er auf das Theologische Seminar in Friedberg kam, war er noch ein halbes Jahr Gasthörer in der Frankfurter Universität.


In Darmstadt machte er im Sommer 1932 das zweite Examen, in Worms wurde er am 19. Juni 1932 ordiniert und war dann in der dortigen Luthergemeinde Pfarrassistent. In dieser Zeit starb sein Vater, dem er für sein Geleit auf seinem Lebensweg viel verdankte. Am 15. Mai 1933 kam er als Pfarrverwalter nach Ulfa in Oberhessen, wo er später auch Pfarrer wurde. 1935 promovierte er in Gießen zum Lizentiaten der Theologie, später umgewandelt in Dr. theol.


In Ulfa kämpfte er als Mitglied der Bekennenden Kirche und unerschrockener Prediger in der Kirchenkampfzeit gegen das nationalsozialistische Kirchenregiment, wobei er erfahren durfte, wie sich seine Gemeinde schützend vor ihren damals 28 Jahre alten Pfarrer stellte und ihn so vor dem direkten Zugriff der politischen Machthaber bewahrte. Die Verbindung zu dieser Gemeinde blieb bis zuletzt bestehen und zeigte sich noch bei seiner Beerdigung, zu der zahlreiche Menschen von dort gekommen waren. Auch nach über fünfzig Jahren stand sein Name für standhaftes Christsein, treue, nachgehende Seelsorge und Menschenfreundlichkeit.


Gleich bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er als Soldat eingezogen. Erst sechs Jahre später konnte er nach einem Jahr englischer Kriegsgefangenschaft, aus der er im September 1945 entlassen wurde, seinen Dienst in Ulfa wieder aufnehmen. Dort blieb er bis zum 31. Dezember 1947 als Pfarrer, bekam aber bereits am 18. Oktober 1946 einen kommissarischen Lehrauftrag am Theologischen Seminar in Friedberg. Ab 1. Januar 1948 war er schließlich dort als Professor tätig.


Am 30. April 1962 heiratete er die Kriegerwitwe Luise Kimmel geborene Magnus, die im gemeinsamen Glauben mit ihm fest verbunden war. Sie starb fast vier Jahre vor ihm am 26. Juli 1995. Den beiden Söhnen aus ihrer ersten Ehe war er auf ihrem Weg ein liebevoller Begleiter. 1963 starb hoch betagt seine Mutter, die ihm als Witwe lange Jahre seinen Haushalt betreut hatte.


Mit Wirkung vom 1. November 1970 ging er in den Ruhestand, hatte aber die von den so genannten Achtundsechzigern geprägten und auch für ihn nicht leichten Jahre noch mitgetragen. Auch nach seiner Pensionierung blieb er dem Seminar als freundschaftlicher Berater verbunden und befasste sich im besonderen noch mit dem weiteren Aufbau der dortigen Bibliothek. Später fand er in Treysa ein neues Zuhause und konnte von dort aus so manchen Vertretungsgottesdienst übernehmen und auch verschiedene Referate halten.


Nach einem erfüllten Leben ist er am 11. Mai 1999 im Alter von 92 Jahren gestorben. Bereits zehn Jahre zuvor hatte er „für den Fall des Ablebens“ einige Wünsche aufgeschrieben. Es sollte alles „möglichst schlicht, still und einfach“ vor sich gehen. „Die Beurteilung des Verstorbenen solle man der Gnade Gottes überlassen.“ Als Text wünschte er sich das Wort aus Psalm 31, 15f: „Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bis mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“

Pfarrer Flechsenhaar und der „Mädchenkreis“ bei einem Ausflug zur Saalburg, ca. 1934/35; vorne rechts, mit dem Mantel auf dem Arm, ist seine Mutter.

1935:    Unser damaliger Pfarrer Günther Flechsenhaar gehörte mit seiner Kirchengemeinde zur „bekennenden Kirche“, d. h. sie lehnte die Unterdrückungsversuche durch die Politik ab. Demzufolge wurden seine Predigten, wie anderswo auch, von staatlicher Seite bespitzelt. 


Anscheinend hatte es den Parteileuten nicht gepasst was der Geistliche predigte, denn am 26. März 1935 erschienen gegen 14 Uhr der seinerzeitige Regierungsassessor (Name ist bekannt) vom Kreisamt Schotten und ein Polizist der Polizeistation Eichelsdorf bei unserem damaligen Bürgermeister Hofmann und teilten ihm mit, dass sie Pfarrer Flechsenhaar wegen seiner Äußerungen in der Sonntagspredigt verhören wollten. Da in der Woche davor der Pfarrer von Ranstadt verhaftet wurde, glaubte man dem Beamten nicht und nahm an, dass Pfarrer Flechsenhaar auch verhaftet werden sollte. Hofmann hatte wohl vorher schon Informationen und hatte dafür gesorgt, dass die Nachricht wie ein Lauffeuer durch Ulfa ging; die Kirchenglocken wurden geläutet und im Nu standen der Hof des Bürgermeisters in der Mittelstraße und die Straße davor bis zum Pfarrhaus mit mehreren hundert Menschen voll. Pfarrer Flechsenhaar musste auf die Bürgermeisterei kommen und wurde dort vernommen. Gerade zum Zeitpunkt als die Vernehmung beendet war, fuhr ein weiterer Wagen mit drei Beamten in Zivil der Giessener Staatspolizei vor der Bürgermeisterei vor. Dies steigerte natürlich erneut die Erregung der Bürger. Bei dem Versuch rückwärts im Hof einzuparken wurde der Wagen von etlichen starken Männern hochgehoben. Der Motor lief noch, aber fahren konnte das Auto nicht mehr. Pfarrer Flechsenhaar gelang es weitere Ausschreitungen zu verhindern, indem er sich in den Pfarrhof begab, dabei auch noch stolperte und hinfiel, und die Leute aufforderte ihm zu folgen. Dort sangen sie das Lied „Feste Burg“ und beteten. Die Gestapoleute hatten solchen unmissverständlichen Widerstand noch nicht erlebt, waren aber einsichtig genug und brachen die Aktion nach telefonischer Rücksprache mit einer Dienststelle in Darmstadt ab. Die Polizeimaßnahmen in Ulfa hörten für die nächsten Wochen auf und der Kreisleiter der NSDAP kam persönlich nach Ulfa um zu beschwichtigen, da die Ortsgruppe Ulfa einen energischen Bericht abgesandt hatte. Der Kreisleiter teilte dann Pfr. Flechsenhaar mit, daß politisch nichts gegen ihn vorläge. 


Diese Schilderung des Vorfalles ist dem von Pfr. Flechsenhaar selbst niedergeschriebenen Bericht (Dokumentation zum Kirchenkampf in Hessen und Nassau, Bd. 3, 1981) sowie der Schilderung von Augenzeugen entnommen und ist sicher die genaueste Wiedergabe des Vorganges.


Dass es hinterher für manche Bürger kein böses Nachspiel wegen des „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ gab, ist hauptsächlich der Besonnenheit und der Vermittlung von Bürgermeister Hofmann zu verdanken. 


Vermerk zu dem Regierungsassessor (D.): Nach vorliegenden Unterlagen war D. von 1934 – 1937 in Schotten tätig, später dann Regierungsrat in Heppenheim und ab 1940 Landrat in Groß Gerau. Daneben war er auch für die SS tätig. Von 1943 – 1945 „Soldat“. Als solcher soll er bei der bevorstehenden Ankunft der Amerikaner am 29.3.1945 gegen 2 Uhr morgens Bürgern von Nidda mit Erschießung gedroht haben, wenn die ausgehängten weißen Fahnen nicht eingeholt würden. Nach dem Kriege war D. 4 ½ Jahre in Internierungshaft und wurde am 27.7.1950 wegen seiner NS-Vergangenheit zu einem Jahr und acht Monaten Zuchthaus verurteilt.


Quellen: Kirchenarchiv Ulfa, Hess. Staatsarchiv, Archiv der Stadt Nidda, Private Unterlagen und Bilder; Text: Günter Stahnke


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Gerne werden wir zu unseren anderen Pfarrern auch noch Texte bringen. Diese müssen jedoch erst noch ausgearbeitet werden. Für entsprechende Unterstützung wären wir dankbar.