Die Kirchenglocken    


Über die Ulfaer Kirche mit ihren alten Glocken, einem Dreiergeläut, ist schon viel geschrieben und auch in Zeitungsartikeln berichtet worden. Meist wurde die größere der drei Glocken hervorgehoben, da diese das Jahr der Fertigung und den Glocken-gießer nennt. Die beiden kleineren Glocken wusste man zeitlich nicht eindeutig einzuordnen, hatte deren Guss auf etwa hundert Jahre später gedeutet. Der Zahn der Zeit half, über die Glocken Gewissheit zu bekommen.


Beim Silvesterläuten zur Jahreswende 2001/2002 fiel der Klöppel aus einer der drei Glocken, weil ihr Hängeeisen, welches an dem Klöppel angebracht ist, ausgebrochen war. Ulfas damaliger Pfarrer Dr. Johannes Dittmer wusste zu erzählen: „Zunächst dachte man von Seiten der Fachleute, dass es mit einem Wiedereinhängen in das nun nur noch einseitig begrenzte Hängeeisen getan sei. Doch auf den Tag, ja auf die Minute genau, ein Jahr später geschah das offensichtlich Unvermeidliche: Der Klöppel fiel erneut heraus. Diesmal war das Eisen komplett herausgebrochen.“ Hanns Martin Rincker von der gleichnamigen Glocken- und Kunstgießerei kam zur Besichtigung vor Ort und erklärte: 

Die Ursache hierfür war leicht zu finden: Starke Abnutzung und mangelhaftes Material des Puddelstahls, der vor rund 700 Jahren in die Glocke als Hängeisen zum Halten des Klöppels eingebaut wurde. Bis vor 30 Jahren hätte man einen solchen Schaden durch Durchbohren des Glockendeckels repariert, dort hindurch Aufhänge-stangen gesetzt, die dann eine neue Aufhängemöglichkeit des Klöppels geben. So müsse die Glocke nicht geschweißt werden. Die Alternative wäre das Einschmelzen der Glocke gewesen, da man vor etwa 40 oder 50 Jahren Glocken noch nicht so gut schweißen konnte, wie dies heute möglich ist. Die Ulfaer könnten froh sein, dass die historisch bedeutsamen Glocken so lange erhalten geblieben seien. Wäre dieser Schaden einige Jahrzehnte zuvor passiert, wäre diese Glocke mit Sicherheit ausgetauscht und durch eine neue ersetzt worden.“


Je länger man die Glocken untersuchte, umso umfangreicher wurde der für notwendig erachtete Reparatur- und Restaurierungsbedarf, und damit auch der Finanzbedarf, eingeschätzt. Die Glockengießerei Rincker aus Sinn in Hessen legte im April 2003 dazu ein Angebot in Höhe von rund 15.400,- Euro vor. Die Kosten für Ein- und Ausbau der Glocken, den erforderlichen Autokran und eine neue Glockenaufhängung waren darin noch nicht enthalten. Zu einer so wichtigen Entscheidung wurde Dr. Martin Balz als Orgel- und Glockensachverständiger der Evang. Kirche in Hessen und Nassau hinzugezogen. Er untersuchte die Glocken eingehend und erstellte im Mai 2003 ein Gutachten worin er schreibt:

Die Kirche in Ulfa besitzt ein außerordentlich wertvolles Geläut aus der Zeit des frühen 14. Jahrhunderts. Einzelne Glocken aus dieser Zeit gibt es zwar des Öfteren, ein dreistimmiges Geläute dagegen ist außerordentlich selten. Bisher war von der größten Glocke bekannt, dass sie im Jahr 1334 gegossen worden ist. Die beiden anderen Glocken des Geläutes sind nicht signiert, eine eingehende Untersuchung hat jedoch erwiesen, dass diese beiden Glocken zusammen mit der Größten hergestellt worden sein müssen, denn sie gleichen dieser Glocke bis in winzige Einzelheiten des Äußeren und haben auch klanglich die gleichen Eigenschaften.“ Er empfahl die Glocken in ein spezielles Glockenschweißwerk zu bringen, um die Glocke schweißen und ein neues Hängeeisen einfügen zu lassen. In diesem Zuge sollten auch ausgeschlagene Stellen an den Glocken ausgebessert werden, was dann auch so geschah. Alle drei Glocken wurden mit erheblichem Aufwand ausgebaut und in die Glockengießerei verbracht.

Das Dreiergeläut im Glockenturm nach der Instandsetzung

Ulfas Pfarrer Dittmer wollte es nun aber auch genau wissen. Dazu wurde im Berliner Rathgen-Forschungslabor – spezialisiert auf Atom-Absorptionsverfahren - eine Analyse des Glockenmetalls vorgenommen. Professor Josef Riederer, Direktor des international angesehenen Instituts, erläuterte das Ergebnis:

 „Die drei Glocken wurden aus einer relativ zinnreichen Glockenbronze mit Zinn-gehalten von 20 bis 22 Prozent und einem sehr geringen Bleianteil von 1,3 bis 1,8 Prozent gegossen. Die Zusammensetzung der drei Glocken ist, wenn man sie mit der möglichen Bandbreite von Zusammensetzungen ähnlich alter und aus der gleichen Region stammender Glocken vergleicht, so übereinstimmend, dass an der gleich-zeitigen Herstellung der drei Glocken durch den gleichen Gießer kein Zweifel beseht.“

Zur Klärung der Frage, ob die Glocken aus dem gleichen Guss oder aus derselben Charge an Glockenbronze stammen, fehlen allerdings Erfahrungen über die frühe Technik des Glockengusses. „Aus dem gleichen Guss stammen die Glocken wohl nicht, da einzelne Spurenelemente in unterschiedlichen Konzentrationen vorkommen, was es bei einem gemeinsamen Guss nicht geben sollte.“ 


Die auf den Glocken aufgegossenen Inschriften wurden von der Glockengießerei Rincker festgehalten und lauten:


Glocke I:

 

+MESTIR+BERTVLC.DE.SVLCEH+O+MARIA+AMMO+DHI+M+CCC-XXX IIII 


Glocke II:

,

+GOTWALDIS+LVCAS+MARCVS+IOhANNES-HATEVS


Glocke III: 


+LVCAS+MARCVS+IOhAMNES+HATEVS

Eine geschmückte Glocke hebt vom LKW ab.

Auch die Joche zur Glockenbefestigung wurden wieder neu in Eichenholz angefertigt. 

Im März 2004 kamen die drei Glocken repariert und restauriert wieder nach Ulfa zurück. Die Landfrauen hatten die Glocken mit Girlanden und Fahnenbändern geschmückt, der Posaunenchor spielte zur Ankunft. Dem Ereignis wohnten viele Ulfaer Bürger sowie Bürgermeisterin Lucia Puttrich, Erster Stadtrat Armin Häuser, Jürgen Dzick von der Schlossbauhütte und Pressevertreter bei.


Pfarrer Dittmer berichtete: „Da wir nun nach den Ergebnissen der klangharmo-nischen, der geometrischen sowie der stilistischen Untersuchungen  wissen, dass alle drei Glocken hier in Ulfa von ein und demselben Meister gegossen wurden, bedeutet dies, dass er ein bis zwei Jahre in Ulfa beschäftigt war.“ Das aber wirft eine neue Frage auf: Wer hat das dreistimmige Geläut in dieser Zeit finanziert? „So etwas war damals schon für Städte wie Friedberg oder Wetzlar nur schwer zu stemmen. Ob die früheren Adelsherren von Ulfa dahinter steckten?“ so Pfr. Dittmer. 

Angemerkt sei an dieser Stelle, daß der alte Ulfaer Adel das Patronatsrecht zur Ulfaer Kirche besaß und in der Erbfolge an die Schencken zu Schweinsberg überging. Der letzte Ulfaer Adelige Guntram III. von Ulfa erlebte das erste Glockenläuten jedoch nicht, da er bereits zwischen 1304 und 1306 verstarb. In der Zeit des Glockengusses kam aber der alte Adelsbesitz in neue Hände und es wurde auch das Stornfelser Schloß gebaut (1353 erstmalig erwähnt). Vielleicht war es eine großzügige Gabe des neuen Herren, nämlich des Grafen von Ziegenhain und Nidda. Auch bleibt die Frage unbeantwortet, warum gerade die Ulfaer Glocken nicht, wie viele andere, in Kriegszeiten für Kanonen etc. eingeschmolzen wurden. Sicher ist jedoch, dass wir ein ganz besonderes Glockengeläut im Ulfaer Kirchturm hängen haben. 


Die Gesamtkosten von 27.000 Euro wurden durch Spenden der Ulfaer Bürger in Höhe von 10.000 Euro, die Evangelische Kirche Hessen-Nassau und einem Förderbetrag aus Mitteln der Denkmalpflege finanziert.


Der Kreis-Anzeiger hatte dreimal in großen Artikeln und die Evangelische Sonntagszeitung mit einer ganzen Seite über die Ulfaer Glocken und über die Einmaligkeit des ältesten vollständig erhaltenen dreistimmigen Glockengeläutes Deutschlands berichtet.

Eine geschmückte Glocke schwebt wieder zum Kirchturm.

Quellen: Kirchenarchiv Ulfa; Gutachten Dr. Martin Balz; Kreis-Anzeiger; Bilder der Kirchengemeinde Ulfa; Text: Günter Stahnke